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FEINE ADRESSEN WIEN, 4/5/1990, 7 Jahrgang

MAGIC CHRISTIAN AUS LAS VEGAS

Betrachtungen eines kürzlich dort engagierten Künstlers.

Metallisch klirrend schiebt sich von ekstatischer begleitet ein dreistockwerkshoher Drache auf Siegfried zu.

Er flüchtet von der Bühne, wird von unzähligen, androiden Wesen eines fernen Sternes ergriffen und im Triumpf über eine schwindelerregende Treppe zu einem kleinen Vorbau geführt. Nicht anders ergeht es Roy auf der anderen Seite der Bühnenhöhle. Beiden werden, um ihr Leben kämpfend, von schweren Metallzylindern bedeckt, während sich die „Starwar“ähnlichen Maschinenklauen des fauchenden und feuerspeienden Ungetüms nähern. Spielend hebt der Drache die beiden Eingeschlossenen hoch, ein letztes Zucken der sichtbar gebliebenen Hände, dann zerquetschen die hydraulischen Metallscheren ihre Beute.

Das Gruseln läuft, über 1.700 Rücken im täglich ausverkauften Show-Room. Ein Schrei zerbricht die atemlose Spannung. Siegfried steht, spotlichtblond, mitten in der Zuschauermenge auf einer kleinen Brüstung, während Roy aus dem Dunkeln, tarzanähnlich am Seil hängend, über die Zuschauerköpfe ins Licht schwingt.

Der sagenähnliche Lanzenstoß ins Maul läßt den Koloß zusammenbrechen. Der Retter, aus dem Weltall kommend, hat einmal mehr gesiegt.

Das ist nur einer der vielen Höhepunkte dieser neuen Mega-Zauberschau am Strip von Las Vegas im funkelnagelneuen „Mirage“ Hotel, dem momentan größten Hotel im Mekka der Glücksspieler, in dem Ihr Berichterstatter kürzlich eine Woche lang engagiert war. Zum  Zaubern und nicht zum Spielen natürlich!

700 Millionen Dollar hat dieses dreiflügelige Riesending gekostet. 3.500 Betten bieten den Tag und Nacht spielenden Besuchern kurzfristige Erholung. Pausenlos klingeln die Glücksspielautomaten und rauschen die Karten. Wer Abwechslung sucht, bewundert den viertelstündlich ausbrechenden Vulkan am Haupteingang, das Riesenpalmenhaus oder die weißen Tiger hinter Glas. Trotz der luxuriösen Ausstattung und der weitläufigen Erholungsräumlichkeiten, läßt sich der gerne Spielende nicht leicht von seiner gerade jetzt beginnenden Glückssträhne abhalten. Ganz im Sinne des Managements. Schon wächst die nächste Bettenburg, vom erfolgreichen Circus-Unternehmen finanziert in faszinierenden sieben Monaten heran. Erst letzten November wurden die Fundamente ausgehoben, im Dezember der Bau begonnen und im Juni soll das neue „Excalibur“ eröffnet werden. 4.000 Betten füllen eine Riesenspielzeugburg, über deren Dächern ein 100 Meter langes Ritterschwert das neue Wahrzeichen von Las Vegas sein soll. Hier nennt man das familienfreundlichen Glücksspielanschluß.

Diesen Gigantomanismus spürt man bei S & R während der ganzen Show. Nicht einer Assistentin wird die Folterschraube aufs Haupt gestülpt. Nein! Gleich 10 Köpfe müssen unter der Rundumdrehung leiden, im mechanischen Ballett marschieren rund 50 Metallsoldaten in klirrenden Rüstungen auf, vom Mittelsmann an Stangen geführt. Eine sensationelle Idee, bühnenfüllend, vielleicht eine Anregung, um das Budgetdefizit einer österreichischen Staatsbühne zu sanieren. Dort Aktion im Übermaß, bei uns gewerkschaftlich kaum durchzusetzen.

Groß ist nicht gut genug. Gigantisch heißt, bei klein anfangen. Und klein haben die beiden jetzt amerikanisierten Deutschen angefangen, Siegfried in Rosenheim, Roy in Bremen.

Anerkennung wollte Siegfried schon immer und ist doch bei allem Erfolg liebenswürdig berührbar geblieben. Er wollte immer der Beste sein, ob in der Lehre, beim Laientheater oder als Zauberkünstler auf einem Kreuzfahrtschiff auf See. Und auch in Vegas sind er und sein Freund Roy bei den Besten. Achtmal wurde ihre Show bisher mit dem Preis der besten Las Vegas Produktion ausgezeichnet.

Als die beiden von 25 Jahren auf der MS Bremen, wo sie sich zufällig kennenlernten, nach Amerika kamen, träumten sie noch von der Showstadt Las Vegas. Über Nachtklubengagements in Hamburg, Bremen, Monte Carlo und im Lido in Paris, kamen sie nach Vegas. Fast 20 Jahre arbeiten sie nun hier zusammen und steigern sich immer noch.

Bis zu 15 Shows in der Woche sind auch wahrlich eine Anstrengung. Auch für einen Sprößling einer Bankiersfamilie. Im Gegensatz zu Siegfried stammt Roy aus begüterten Verhältnissen, aber statt Bankkaufmann zu lernen, flüchtete er, kaum 14 Jahre alt, mit Hilfe eines Onkels, auf ein Kreuzfahrtschiff, lernte das Hotelfach von der Pike auf, führte mit 17 Jahren sogar ein kleines Hotel, mit wenig Erfolg, kehrt auf das Kreuzfahrtschiff zurück und lernte Siegfried bei seinen Zaubervorführungen kennen.

Eines Tages brachte Roy heimlich einen Geparden, sein Haustier, mit aufs Schiff. Der wurde in die Zaubershow eingebaut, überraschte ein staunendes Publikum und verärgerte den Kapitän. Aber der Erfolg war umwerfend. Seither gibt es Siegfried und Roy.

Beide lieben das Abenteuer und das Außergewöhnliche. Anders sein, als andere, sollte ihr Erfolgsrezept werden. Sie investierten immer ihr ganzes Geld in neue Illusionen und gaben sich mit dem Erreichten nie zufrieden.

„Gibt es ein Geheimrezept“, frage ich sie.

„Nein“, sagt Siegfried, „nach neuen Ufern streben ist natürlich, man muß daran glauben, positiv sein. Nicht nur das Glück nehmen, das man in den Schoß gelegt bekommt, sondern mehr daraus zu machen versuchen. Glücklich sein heißt, eine positive Einstellung zur Umwelt zu haben, zur Natur und zu seinem Publikum.

Während ihrer neuen Show sprechen Sie dieses Thema auch an, zeigen Filmausschnitte ihrer weißen Tiger, die sie mit Hilfe eines Pärchens, das sie von einem indischen Maharadscha geschenkt bekamen, seit fünf Jahren erfolgreich züchten. Aus zwei blauäugigen weißen Kuschelkatzen wurden 18 ausgewachsene erlesene Tiere. Die Jüngsten wurden während ihrer grandiosen Tour durch Japan im letzten Jahr geboren, wo sie in acht Monaten mehr als 1 Million Zuschauer in ihren Bann schlugen, in einem Zelt das rund 1.000 000 US-Dollar gekostet hat. Während sie in Tokyo die letzten Vorstellungen gaben, wurde in Osaka ein bis aufs Haar gleiches, zweites Zelt aufgebaut. Die Japaner, allen Künstlern für ihren sparsamen höflichen Applaus bekannt, jubelten dem deutschen Erfolgsgespann zu.

Mit drei Jumbos flogen sie ins Land der aufgehenden Sonne, mit vier kamen sie in New York an, um ihren tonnenschweren Elephanten rechtzeitig zur Eröffnung ihrer Show in die, seit Wochen ausverkaufte, Radio City Hall nach New York zu bringen. Auch hier brachen sie mit dem längsten Engagement von Einzelkünstlern auf diesen traditionsreichen Brettern alle Rekorde. Sie haben schon mehr für die Zauberkunst getan, als je ein Houdini oder Kalanag zustande brachte, ohne deren große Erfolge schmälern zu wollen.

Im Schatten von S & R gibt es in Las Vegas fast keine Show ohne Zauberprogramm. Neben den abendfüllenden Shows „Abrakadabra“ und „Spellbound“ findet man Melinda, „The First Lady of Magic“ mit großen Illusionen und dutzende erfolgreiche Einzelzaubernummern.

Unzählige „Close-Up“ Zauberkünstler führen in den Bars und Gästeräumen Tricks aus nächster Nähe vor, Zaubern ist in Amerika so „in“ wie nie zuvor und erfreut sich weiter steigender Beliebtheit.

Gigantisch ist Las Vegas in jeder Hinsicht geworden. Gigantisch im Showbusiness, gigantisch in der Präsentation von Stars, die sich in der Hauptsaison die Showroom-Klinke in die Hand drücken. Gigantisch im Beherbergungsbetrieb, gigantisch in den Leuchtreklamen und gigantisch in der relativ billigen Versorgung.

Fast food for a fast game. Wer hat dort schon Zeit, gepflegt essen zu gehen, wenn das verlockende Glück zu winken scheint.

Vor zwanzig Jahren spazierte ich noch bequem vom Flugzeug durch die Ankunftshalle zum Taxi. Heute beherbergt diese von pausenlosem Automatenklingeln erfüllte Stadt täglich hunderttausende Besucher.

Siegfried und Roy, ihr habt mir mit Eurer Show ein Mega-Erlebnis beschert, aber eine Wiener Barockfassade ist mir mehr wert als hundert Lichtspiele auf nachtschwarzem Himmel. Es ist wunderbar, die Welt beruflich bereisen zu können, aber als in Wien Lebender freut man sich jedesmal, wieder nach Hause zu kommen.